esse defectivum


Komposition & Regie

... esse defectivum - Musiktheater in zwei Akten von Ali Latif-Shushtari

 

Die musikalisch-performative Inszenierung entfaltet sich in einer Reihe von Tableaus, die der inneren Architektur des Textes von Valentina Dsora folgen: SYSTEM, ESSENZ, EMOTION sind keine Akte im traditionellen Sinne, sondern Seinszustände – Existenzmodi, die Musik, Bewegung, Licht und Stimme durchdringen.

 

Das Werk folgt dieser ontologischen Dramaturgie. Es inszeniert die Spannung zwischen Funktion und Präsenz, Kontrolle und Zuhören, Optimierung und Fragilität.

Musikalische Architektur

Dsoras poetische Strukturen werden zu musikalischen Architekturen: Wiederholung wird zu Rhythmus, Bruch zu Form, Stille zu Material. Diese konzeptuelle Ausrichtung prägt unmittelbar die musikalische und performative Sprache des Stücks. Die Partitur ist als hybrides System konzipiert, in dem Komposition, Klangkunst und verkörperte performative Praxis untrennbar miteinander verbunden sind. Die Musik begleitet den Text nicht; sie geht aus ihm hervor. 

 

Drei musikalische Logiken entsprechen den drei sprachlichen Registern des Librettos:

  • eine systemische Ebene, die auf Rekursion, Loops, Puls, rastergebundenen Rhythmen und maschineller Vokalität basiert;
  • eine menschliche Ebene, die sich auf Atem, fragile Klangfarben, mikrotonale Inflektionen sowie geflüsterte und fragmentierte melodische Gesten konzentriert; und
  • eine liminale Ebene, in der sich diese beiden durch zeitliche Verzerrungen, hybride vokale Techniken, Formerosion und wahrnehmungsbezogene Ambiguität gegenseitig kontaminieren.

Live-Elektronik wird nicht als Effekt eingesetzt, sondern als ontologischer Akteur: Sie greift ein, verzerrt, überschreibt, loopt und versagt gelegentlich. In diesem Sinne illustriert die technische Ebene das Thema des Systemversagens nicht – sie vollzieht es.