esse defectivum


Das Werk

Das Musiktheater ... esse defectivum von Ali Latif Shushtari basiert auf dem Sprechgedicht in acht Folgen

 sei langsam zarte zeit :: von Valentina Dsora.

Inhalt und Dramaturgie

Eröffnungsbild (Akt I / Initialisierung)

Das Musiktheater beginnt mit einem kargen, beinahe statischen Bild: Ein Mann sitzt auf einem Stuhl und blickt auf einen Fernsehbildschirm. Er starrt ihn an wie hypnotisiert – empfängt Input, verarbeitet. Auf dem Boden liegt die Frau, tot. An der Oberfläche suggeriert dies eine Szene des Verlusts. Dramaturgisch jedoch ist dieses Bild nicht wörtlich zu nehmen. Die Frau ist nicht im narrativen Sinne tot; sie ist offline, stummgeschaltet, suspendiert, archiviert. Sie existiert auf einer anderen ontologischen Ebene als der Mann.

 

Die erste Phase entfaltet sich als eine Abfolge innerer Prozesse: fragmentierte Monologe, protokollartige Sprache und abgebrochene Dialoge. Der Mann scheint „mit“ der Frau zu sprechen, doch diese Dialoge sind instabil, verzerrt und unvollständig – wie korrumpierte Speicherdateien. Auf einer metatheatralen Ebene ist die Frau für das Publikum präsent, jedoch innerhalb der Systemlogik der Bühnenwelt abwesend. Dadurch entsteht eine Wahrnehmungsspaltung: Zwei Performer verkörpern zwei Schichten desselben Subjekts, getrennt durch inkompatible Existenzweisen.

 

Zusammenbruch und Konvergenz (Akt II / Failure)

Im Verlauf des Stücks beginnt sich die Trennung zwischen diesen beiden Welten – der systemischen und der verkörperten – aufzulösen. Die Protokolle werden instabil. Die Wiederholungen geraten ins Stocken. Das zeitliche Raster lockert sich. Stille beginnt einzudringen. Dies ist kein dramatischer Konflikt zwischen zwei Personen, sondern eine strukturelle Implosion: Die Logik der Optimierung wendet sich gegen sich selbst. Die Musik gerät in Überlastungszustände, Feedbackschleifen, Geräuschsättigungen, gefolgt von plötzlicher Leere.

 

In dieser Phase beginnt die Frau langsam „zu erwachen“ – nicht als Figur, die ins Leben zurückkehrt, sondern als Reaktivierung von Präsenz, Atem, Berührung und Zuhören. Die beiden Performer teilen zunehmend Material, spiegeln einander und unterbrechen sich gegenseitig. Die Oper bewegt sich nicht auf Versöhnung zu, sondern auf Ko-Präsenz.

Figuren und vokale Konfiguration

Gesellschaftliche Relevanz

… esse defectivum reagiert auf eine Gegenwart, in der menschliche Wahrnehmung zunehmend durch algorithmische Systeme, Optimierungslogiken und digitale Infrastrukturen geprägt wird.

Zwischen Effizienzversprechen, Beschleunigung und permanenter Verfügbarkeit geraten körperliche Erfahrung, Aufmerksamkeit und Empfindungsfähigkeit unter Druck. Im Zentrum steht die Frage, welche Formen von Wahrnehmung, Beziehung und Präsenz möglich bleiben, wenn das Erleben selbst funktionalisiert wird.

Die Oper untersucht diese Fragestellung nicht aus distanzierter Perspektive, sondern als körperlich und akustisch erfahrbaren Prozess.

Gerade darin liegt ihre gesellschaftliche Relevanz: In einer Zeit, die von Beschleunigung und Kontrolle geprägt ist, schafft sie einen Raum der Verlangsamung und differenzierten Wahrnehmung.

Sie setzt der Logik der Optimierung eine Praxis des Hörens, der Aufmerksamkeit und der verkörperten Präsenz entgegen.

Künstlerische Relevanz

Das Projekt leistet einen Beitrag zur Weiterentwicklung des zeitgenössischen Musiktheaters. Es verbindet Komposition, Klangkunst, Sprache und performative Praxis zu einer Form, die sich bewusst von linearen Narrativen löst und stattdessen Zustände, Übergänge und Wahrnehmungsräume ins Zentrum stellt.

Die enge Verschränkung von Text, Musik und Körper eröffnet neue Möglichkeiten im Zusammenspiel von Stimme, Klang und Szene.

Durch die Zusammenarbeit mit Musiker:innen des Ensemble Proton Bern sowie Dozierenden der Hochschule der Künste Bern ist das Projekt lokal verankert und zugleich international anschlussfähig.